Zemschen

Wenn man von Weißensulz nordwärts wanderte und sich entlang der Bahnlinie hielt, erreichte man nach 5 krn einen Talkessel mit dem Dorfe Pössigkau und anschließend nach Osten abzweigend ein flaches Seitental. Dort lag das Dorf Zemschen, mundartlich "Tschemschn" genannt. Ein Wiesenbächlein durchfloß den Ort in der Ost-West-Richtung und mündete in Pössigkau in den Lunzenbach. Zwei flache Hügel, die bewaldete Lischnitz (530 m) im Norden und der Hurber mit Kapelle im Süden begrenzten das Dorf. Nach Osten öffnete sich das Tal und lief in eine breite Ebene aus.

Urkundlich wurde das Dorf erstmals 1436 genannt, als Kaiser Sigismund das Erbrecht der Chodendörfer des Gerichts Weißensulz erweiterte. Der Ort hieß dort "Tschemssne". Im Jahre darauf befreite sie der Kaiser auf ein Jahr von allen Steuern und Abgaben, weil sie durch die Hussitenkriege arg gelitten hatten und "wegen großer Treue und Armut". Ein Hof, der Wouskahof, muß damals öde geblieben sein. Ein kleines herrschaftliches Anwesen mit ca. 80 ha Grundbesitz und 9 Fischteichen, zwischen Zemschen, Pabelsdorf und Weißensulz gelegen, ging wahrscheinlich damals zugrunde. Eine Anzahl Bauern aus Zemschen und der Schlöglmüller von Pössigkau brachten die gesamten Grundstücke an sich, die schon rein äußerlich durch ihre unregelmäßige Form von der übrigen Flur abstachen und bis zuletzt als "Schlösselgrund" bezeichnet wurden. Im Gnadenbrief von König Wladislaw II. 1482 erschien der Ort unter dem Namen "Ctzemessne". Der große Chodenprozeß von 1567-1590, den die zur Burgherrschaft Pfraurnberg gehörenden Chodendörfer mit ihren Bedrückern, den Schwanbergern, führten, endete mit dem Verkauf der Herrschaft Pfraumberg (1596) durch den Kaiser. Die beiden Dörfer Zemschen und Pössigkau mit 7780 Sail Holz (Hochwald) kaufte um 4998 Schock 37 Groschen und 1 Pfennig Burghard Merklinsky von Pernartitz. 1598 kamen sie zuerst in den Besitz von Georg Gutenstein, Herrn auf Hostau, dann an Heinrich Laurenz von Gutenstein. Nachdem dieser wegen Teilnahme am böhmischen Aufstand 1621 vom Statthalter Fürst Lichtenstein von seinen Gütern verjagt worden war, fiel der Besitz nacheinander an Zdenko Wratislaw von Mittrowitz, an Christina Cordula Czernin, hernach an Maria Czernin, Gemahlin des Grafen von Starhemberg.

Im Jahre 1656 erwarb die Herrschaft Hostau Matthias von Trauttmansdorff. Zemschen und Pössigkau blieben bei dieser Herrschaft bis 1848.

Um 1600 hatte "Zembschen" nach dem alten Grundbuch 20 Bauernhöfe, 3 Chalupen, 1 "Triipfhäusl mit Padstuben", 1 Hüthäusel und 1 Schmiede, somit 26 Häuser. Die Steuerrolle (1654) zählte in "Zembschin" 11 Bauern mit 18 Strich, 5 Chalupner mit 9 Strich, 1 Chalupner mit 6 Strich, 1 Chalupner mit 3 Strich, 2 Gärtner mit 3 Strich und 1 Gärtner mit 1 Strich auf. Der damals größte Bauer, Hannß Peuml in Nr. 31 (Wirt), besaß 6 Gespanne, 6 Kühe, 12 Jungrinder, 37 Schafe und 15 Schweine. Die meisten anderen Bauern hatten fast den gleichen Viehstand.

Von da an ging es mit dem Wohlstand rasch abwärts. Der Theresianische Kataster von 1713 wies zwar die gleiche Anzahl von Bauern, Chalupnern usw. auf, doch hatten die Bauern nur je 2 Ochsen und nur 1, höchstens 2 Kühe und nur zwei Bauern je 1 Schwein. Bei der Hausnumerierung unter Kaiserin Maria Theresia 1770 besaß Zemschen 32 Häuser, die 5 Ausnahmshäuseln nicht mitgerechnet. Der Josefinische Kataster zeigte 1785 die gleiche Anzahl auf. 1815 umfaßte das Dorf schon 40 Häuser, und zwar hatten einige Bauern für ihre ausgeheirateten Töchter "Tripfhäuseln" in der "Beind" errichtet. So entstand der Ortsteil gegen Pössigkau, den manche "Häuseln" nannte. 1839 war der Ort auf 44 Häuser und 248 Einwohner angewachsen, 1862 auf 45 Häuser mit 311 katholischen und 6 jüdischen Einwohnern, 1921 zählte er 60 Häuser mit 339 Bewohnern, und 1945 waren es 67 Häuser und 329 Einwohner (vor Kriegsbeginn 351).

Die Geeminde besaß das Armenhaus Nr. 16, die Gemeindeschmiede Nr. 22, die Kapelle am Hurber, gemeinsam mit Pössigkau die dreiklassige Schule, Gerneindegrund von 38 ha 13 a und die "Hütbirken", einen Wald von etwa 10 ha in der Gemarkung Pössigkau. Der obere Teil des Dorfes, kurzweg "Dorf" genannt, bestand in der Hauptsache aus zwei Reihen von Bauernhöfen, die sich entlang des Dorfbächleins auf ca. 80 m gegenüber lagen. Sie umschlossen den großen rechteckigen Dorfplatz mit zwei kleinen Fischteichen, einer gepflegten Anlage mit dem Kriegerdenkmal des ersten Weltkrieges und Springbrunnen und dem uralten Dorfbrunnen "Ell". Mit dem um 1800 und später entstandenen Ortsteil "Die Häuseln" grenzte Zemschen an Pössigkau.

Ursprünglich gehörte Zemschen zur Pfarre Heiligenkreuz. Die katholischen Aufzeichnungen begannen dort mit 1629. Bei der im Jahre 1651 in Böhmen vorgenommenen Zählung der Untertanen bekannten sich in "Zembschen" außer einigen wenigen Bewohnern alle zur katholischen Kirche. 1786 wurde Zernschen nach Weißensulz und schließlich 1815 nach Tutz eingepfarrt, wobei es bis 1945 blieb. In Zemschen stand seit altersher eine Kapelle am Hurber. 1871 wurde an ihrer Stelle eine neue, bedeutend größere errichtet. Die aus der früheren Kapelle übernommenen Holzstatuen trugen noch die Gewänder und den Silberschrnuck aus früheren Jahrhunderten. Der Hurberbaum, eine riesige Fichte bei der Kapelle, war bis 1901 das Wahrzeichen des Dorfes.

Seit 1784 bestand in Tutz eine Volksschule, die auch von den Kindern aus Zemschen und Pössigkau besucht wurde. 1835 bekamen die beiden Dörfer eine eigene Schule in Zemschen. Unter dem Oberlehrer Pius Weh wurde sie 1884 zweiklassig. 1913 kam noch eine dritte Klasse hinzu.

Die letzte Generation der Zemschener Bauern hatte durch zielbewußte, moderne Bewirtschaftung der Fluren den Ertrag auf das Mehrfache gesteigert, dabei hier sowie in der Viehzucht Spitzenleistungen erzielt und sich durch Tüchtigkeit und Fortschritt einen guten Namen gemacht. Drei Landwirte besaßen knapp über 20 ha, 16 hatten 10-20 ha, 8 hatten 5-10 ha, 26 besaßen 1-5 ha und 14 unter 1 ha. In der Zeit von 1914-1932 hat die Gemeinde Zemschen vier Straßen gebaut, eine einmalige Leistung. Seit 1910 besaß das Dorf einen Bahnhof mit Verladeplatz für Güter, Langholz, Schleifbolz, Bretter usw. 1939 bekam Zemschen ein Postamt. Dazu gehörten die Dörfer Pössigkau, Pabelsdorf, Tutz, Drißgloben und Rail. Zemschen besaß 2 Gasthäuser, 1 Metzger, 1 Kaufmann, 1 Schlosserei mit Landmaschinenbau, 1 Kohlengeschäft, 2 Wagner, 1 Tischler, 2 Schmiede, 2 Schuhmacher, 1 Sieber, 1 Schneider und 1 Schneiderin, 1 Klempner, 1 Zimmermeister und einige Maurer.

Eine Freiwillige Feuerwehr bestand seit 1893, dann ein Land- und forstwirtschaftlicher Verein, ein Rindviehzuchtverband, eine Wasserbaugenossenschaft und ein Fleischverein. 1923 wurde eine Kulturverbandsgruppe mit Männerchor gegründet, 1925 eine Ortsgruppe des Deutschen Landjugendbundes mit Theater- und Singgruppe.

Den 12 Opfern des ersten Weltkrieges war am Dorfplatz ein Obelisk errichtet worden. Im zweiten Weltkrieg waren 22 Gefallene und Vermißte zu verzeichnen.

Georg Warta